Kari Karaiti

Schreiberei zwischen Tür und Angel

Hayden und Louise

Louise

Louise wandte sich lächelnd ab. Er stand wieder auf der Straßenseite gegenüber im Schatten der Gasse und starrte zum Fenster hinauf wie jeden Abend um diese Uhrzeit. Vor fünf Wochen hatte sie ihn das erste Mal gesehen. Ein junger Mann, vielleicht ein High-School-Senior, vielleicht ging er schon aufs College. Jeden Tag stand er dort für eine halbe Stunde, manchmal länger, und sah zu ihrem Studio hinauf. Es würde gruselig klingen, wenn sein innerer Kampf nicht sogar auf die Entfernung sichtbar wäre. Er rang mit sich zwischen dem Wunsch, an ihre Tür zu klopfen, und der Angst, abgewiesen zu werden. Vielleicht kämpfte er mit einer prüden Erziehung, die ihm seine Sexualität verweigerte. Gott, er tat ihr leid.

Louise musste zugeben, dass er ein gutaussehender, junger Mann war, wenngleich ein wenig furchteinflößend. Das lag nicht daran, dass er Abend für Abend das Haus observierte, sondern eher an seiner Körpergröße und der dunklen Aura, die ihn umgab. Sein fast schwarzes Haar, der starre Blick hinauf zu ihrem Fenster, sein athletisch kräftiger Footballspieler-Körper, alles an ihm wirkte respekteinflößend, trotz des zarten Alters.

Dennoch reizte er sie. Sie wollte, dass er an ihre Tür klopfte, dass er seine Gewissensbisse ablegte, denn sie war neugierig, was einen jungen Mann seines Kalibers zu ihr führte. Seine Erscheinung ließ vermuten, dass er beliebt war, begehrt. Bestimmt warfen sich ihm die heißesten Cheerleader um den Hals. Was also trieb ihn zu ihr? Warum starrte er jeden Abend zu ihrem Fenster hinauf, rang mit sich, während seine Hände sich an seiner Seite zu Fäusten ballten und er von einem Fuß auf den anderen trat? Sie hatte sich ihm heute das erste Mal gezeigt, hatte sich absichtlich leger gekleidet auf die Fensterbank gesetzt, um ihn nicht durch ihr Arbeitsoutfit zu verunsichern. Sie hatte ihm einen kurzen Blick zugeworfen, gelächelt und gezwinkert, als wollte sie ihn ermutigen. Hatte er es gesehen?

Als nach einigen Minuten nichts geschah, lugte sie durch den Vorhang. Er stand unverändert da, die Händen in den Hosentaschen vergraben. Sie könnte zu ihm gehen, ihn hereinbitten. Aber würde ihn das verschrecken? Er versteckte sich in der Gasse, um nicht gesehen zu werden. Ihn auf offener Straße anzusprechen, würde ihn vergraulen. Wie konnte sie ihm die Scheu nehmen, zu klopfen? Sie lehnte sich neben dem Fenster an die Wand. Fünf Wochen und er war immer noch unentschlossen. Sie musste ihm einen Schups geben. Mit einer Idee trat sie an den Tisch, nahm einen Bogen Papier und einen Stift und schrieb. Lächelnd blickte sie darauf, malte eine kleine Blume, unterschrieb mit ihrem Alias „Elise“. Sie ging in das Bad, sprühte ihr Parfüm aus Entfernung auf den Brief, gerade so, dass er einen Hauch des Duftes annahm. Dann steckte sie ihn in einen Umschlag, malte eine weitere Blume darauf und trat an den Vorhang. Mit einem tiefen Atemzug zog sie ihn auf und stellte sich ans Fenster. Bewegung in der Gasse zog ihren Blick zu der Stelle, an der er in den Schatten zurückgewichen war. Sie sah zu ihm hinunter, lächelte, zwinkerte, drückte den Umschlag an ihre Lippen und hielt ihn demonstrativ hinaus. Seine Brauen zogen sich verwirrt zusammen, doch seine Augen hafteten auf ihr. Sie öffnete ihre Finger, dass der Brief nicht elegant schwebend, sondern wie ein Stein hinunterfiel und auf dem Gehweg direkt unter ihrem Fenster liegenblieb. Mit einem Lächeln wandte sie sich ab, ließ den Vorhang zufallen und wartete. Immer wieder blinzelte sie durch die Lücke hindurch.

Er stand unbewegt da. Sein Blick haftete auf dem Stück Papier auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, bevor er langsam zum Fenster hinauf wanderte. Mit einem Seufzen wandte sie sich ab, unsicher, ob er ihren Schatten hinter dem Vorhang erkennen konnte. Vielleicht würde er den Brief aufheben, wenn er glaubte, sie beobachtete ihn nicht, weshalb sie ihre Neugier darüber, wie er auf ihre Kontaktaufnahme reagierte, zurückdrängte und sich seufzend auf das Bett fallen ließ.

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