Leseprobe

Fortsetzung Seite 4

Hunter

Hunter ließ sich an der Bar nieder und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Hätte er geahnt, dass Ava dermaßen bockig sein würde, hätte er es nicht so weit kommen lassen. Er war überzeugt gewesen, dass sie spätestens in dem Moment, in dem er ihr befahl, sich vor ihm auszuziehen, einen Rückzieher machen würde. Niemals wäre er mit ihr hier heute aufgetaucht, außer, um ihre Neugierde, ihre Fragen zu seinem Lebensstil zu stillen, hätte er ansatzweise geglaubt, dass sie diese bescheuerte Wette durchziehen würde. Wie hatte es so weit kommen können? Sie hatte ihn aufgezogen, hatte gelacht und ihm klischeehafte Sprüche gedrückt. Nichts, was sie sich nicht regelmäßig gegenseitig antaten. Und doch war es diesmal anders gewesen. Er hatte diesen Teil seines Lebens immer vor ihr verborgen gehalten, aus Angst, sie würde ihn dafür mit anderen Augen sehen, verurteilen sogar. Er hatte sich in der Defensive gesehen, mit dem Rücken an der Wand, da er jahrelang versucht hatte, vor ihr zu verbergen, dass er sexuelles Vergnügen dadurch empfand, Kontrolle auszuüben, darin fand, dass sich jemand ihm überließ und er seine Partnerin an ihre Grenzen brachte. Und aus dieser Defensive heraus hatte er sie aus diesem Bereich seines Lebens schnell herausstoßen wollen.

Er hatte geglaubt, wenn er ihr ein Szenario schilderte, das für sie undenkbar war, vielleicht abstoßend auf sie wirkte, dass er sie hätte einschüchtern und damit ihre frechen Sprüche hätte beenden können. Und in einem kleinen, hinterhältigen Teil seines Gehirns, das musste er zugeben, hatte er ihren Gesichtsausdruck genossen. Die weit aufgerissenen vom Wein glänzenden Augen, mit denen sie ihn angestarrt hatte, als er ihr in möglichst dreckigen Worten erklärt hatte, was er ihr hier antun würde. Er hatte das Schaudern gesehen, aber hatte unglücklicherweise ignoriert, dass sie sich kurz erwartungsvoll auf die Unterlippe gebissen hatte. Oh, er hatte sie in diesem Moment greifen und über sein Sofa beugen wollen. Er hatte ihre Hände in seine Handfesseln schließen, ihre Fußgelenke, die Beine weit gespreizt, an den Ecken seines Sofas fixieren und ihr gleich vor Ort zeigen wollen, worüber sie lachte, dass ihr das Lachen im Halse stecken bleiben würde.

Aber sie war Ava, seine beste Freundin, seine Vertraute. Nicht, dass sie nicht schon immer eine große Rolle in seinen Fantasien gespielt hätte. Doch er hatte nicht geplant, diese Fantasien jemals mit ihr auszuleben. Sie war Ava, seine Collegefreundin, deren Exfreund er die Nase gebrochen hatte, als dieser gewagt hatte, ihr Selbstwertgefühl mit Füßen zu treten. Der Dreckskerl hatte sie fast geschwängert und dann mit ihr Schluss gemacht. Sie war Ava, die er nach dem Abend, an dem sie ihre Erleichterung, dass sie nicht schwanger war, und all ihren Frust in Cocktails ertränkt hatte, mit in sein Wohnheimzimmer genommen und in sein Bett gepackt hatte, bis sie ihren Rausch ausgeschlafen hatte. Ava, deren Kater er am nächsten Morgen mit Aspirin versorgt und sie erst hatte gehen lassen, als er sicher gewesen war, dass sie allein zurechtkommen würde. Sie hatten unzählige Filmnächte miteinander verbracht und genauso unzählige Nächte durchgequatscht. Verdammt! Er hätte sogar Vater für das Kind eines anderen gespielt, wenn die Flachzange von Exfreund sie geschwängert hätte. Er hätte sie niemals damit allein gelassen.

Natürlich hatte er ihr direkt angeboten, dass sie bei ihm wohnen konnte, bis sie wusste, ob sie den Job bekommen würde, auf den sie sich beworben hatte, oder ob sie nach Hause zurückkehren würde. Niemals hätte er sie in das Hotel gehen lassen. Er hatte sich gefreut, als sie ihm erzählt hatte, dass zufälligerweise in seiner Umgebung ein interessanter Job angeboten wurde. Er hatte sie ermutigt, sich zu bewerben, denn, er musste es zugeben, er hatte sie egoistischerweise in seiner Nähe haben wollen. Die vielen Telefonate und Chats konnten ihre gemeinsamen Abende nicht ersetzen. Er hatte sie vermisst, als es ihn in seine Heimat gezogen hatte und er sie damit zurückgelassen hatte. Nun war sie hier.

„Du siehst aus, als bräuchtest du etwas Härteres“, hörte er Hayden sagen, hob den Kopf und nickte. Wortlos schob er ihm ein Glas Whiskey über den Tresen. Jack trat neben ihn und sah ihn vorwurfsvoll an.

„Sagt nichts! Ich bin ein Idiot!“, murmelte er, bevor einer seiner Freunde den Mund öffnen und ihn für seine Idiotie tadeln konnte.

„Ich wollte nichts sagen. Ich ging davon aus, dass du dich unaufgefordert erklären würdest.“

Hunter schüttelte den Kopf. „Was soll ich erklären? Das ist Ava!“

„Ich fragte nicht nach ihrem Namen!“, entgegnete Jack scharf. Oh, er war verärgert!

„Der steht auf dem Besucherformular, das sie unterschrieb“, warf Hayden ein.

Hunter schnaubte. „Ich unterschätzte sie, das ist passiert. Nach all den Jahren, die ich sie kenne, unterschätzte ich sie schlichtweg. Glaubt mir, ich hätte sie nicht hergebracht, wenn ich mir nicht zu hundert Prozent sicher gewesen wäre, dass sie einen Rückzieher machen würde, bevor wir anfangen. Ich dachte, sie würde in dem Moment kneifen, in dem ich von ihr verlange, dass sie sich vor mir auszieht.“

„Offensichtlich nicht!“, sagte Jack.

Hunter nahm einen großen Schluck Whiskey, drehte sich um und sein Herz begann zu rasen, als Colton die Decke öffnete, die sie bedeckte. Er hielt sie vor den Blicken aller dadurch geschützt, dass er ein Sofa gewählt hatte, das dem Raum abgewandt stand und er sie zum großen Teil mit seinem Rücken abschirmte. Dennoch saß Hunter nah genug, um zu erkennen, dass Coltons Hand zu ihren Brüsten hochfuhr, während er nahe ihrem Ohr sprach.

„Sieh ihn nicht so an! Du solltest ihm dankbar sein, dass er die Szene beendete.“

Er hörte Ava aufstöhnen und kniff die Augen zusammen. Er wollte sich die Ohren zuhalten wie ein kleiner Junge und laut singen, um sie nicht stöhnen zu hören. Die einzigen Augenblicke, in denen er Ava so stöhnen gehört hatte, war im Fitnessraum des Wohnheims gewesen, wenn sie gemeinsam trainiert hatten. Und schon damals hatte ihre Stimme in jedem Stöhnen, mit dem sie die Luft beim Bauchmuskeltraining ausgestoßen hatte, ihn hart werden lassen und dreckige Gedanken waren ihm durch den Kopf geschossen. Bilder, wie er sie an diese Bank fesselte, dass sie ihren Oberkörper nicht mehr bewegen konnte, dass er ihre Beine geöffnet und in dieser Position fixiert hatte, dass sie ihm ausgeliefert gewesen wäre. Er hatte sich mit jedem Stöhnen ausgemalt, wie er diese Laute aus ihrer Kehle lockte, wie er ihre Brüste knetete, an ihren Nippeln saugte, seinen Kopf zwischen ihre Beine senkte, ihre Lippen öffnete und sie leckte, bis sie, statt mit jedem Atemzug zu stöhnen, seinen Namen schreien würde. Er hatte sich ausgemalt, womit er sie penetrieren würde, von der Handhantelstange über die Bio-Gurke in ihrer Tasche bis zu seinem Schwanz. Niemals hätte er sich ihr auf diese Weise genähert, denn sie war Ava. Aber ein Mann durfte träumen. Jetzt war es Colton, der diese Träume in die Tat umsetzte, und Hunter hasste ihn dafür.

„Ava ist meine beste Freundin – seit dem College“, erklärte er seinen Freunden mit leiser Stimme. Kurz überlegte er, hinzuzufügen, dass sie für ihn wie eine Schwester war. Doch das wäre gelogen. Nichts an Ava war für ihn geschwisterlich, außer vielleicht die Vertrautheit, die Nähe, die er zu ihr empfand. Verdammt! Hoffentlich hatte er an diesem Abend nicht alles zerstört! Er fuhr sich erneut mit den Händen durch die Haare. „Könnt ihr bitte ein Auge auf die beiden halten? Ich kann mir das nicht ansehen“, murmelte er frustriert. „Ich versprach ihr, auf sie aufzupassen.“

„Du weißt, dass du Colton vertrauen kannst“, gab Hayden zurück.

„Und im Moment sieht es nicht aus, als wollte sie beschützt werden“, fügte Jack hinzu.

Kurz wandte er sich zu den beiden um. Doch er konnte nicht zusehen, wie Colton ihre Hände unter ihren Körper schob, dass sie sie mit ihrem eigenen Gewicht in das Leder drückte, aber jeder Zeit befreien konnte. Normalerweise hätte Colton ihre Handgelenke in dieser Position über ihrem Kopf mit seiner Hand fixiert. Anscheinend wollte er ihr die Kontrolle über ihren Körper nicht gänzlich rauben, nahm Rücksicht darauf, dass ihre Schultern sich in den Fesseln am Flaschenzug verkrampft hatten. Er hielt eine ihrer Brüste in einer Hand, während er seine Lippen um ihren Nippel schloss und seine andere unter der Decke verschwand, die ihren Unterleib immer noch bedeckte.

„Scheint, als fühlte sie sich in einer geschützteren Ecke direkt wohler. Ich mag die Geräusche, die sie macht“, murmelte Jack.

„Könntest du die Schnauze halten?“, fuhr Hunter ihn an. „Das ist Ava!“

Sein Freund lachte zynisch. „Die du in die Höhle des Löwen brachtest und der Meute zum Fraß vorwarfst. Sieht aus, als gefiele ihr jedoch, was Colton zu bieten hat.“

„Pass auf! Ich bin ein Idiot, okay? Ich habe es begriffen. Sprecht mir ein Clubverbot für drei Monate dafür aus, das kann ich akzeptieren! Aber, bitte, sprich nicht so von Ava!“

„Was ärgert dich daran?“, fragte Hayden. „Jack sagte nichts Abschätziges, nicht einmal etwas Dreckiges, wie ich es von ihm erwartet hätte.“

Jack hielt ihm grinsend die Bro-Faust über den Tresen hin, die Hayden erwiderte. „Sie ist heißes Material! Wenn du das nicht siehst, bist du entweder blind, oder ihr seid so tief in der Friendzone, dass du es nicht sehen kannst“, erklärte Jack, woraufhin Hunter den Kopf schüttelte.

„Oh! Ich verstehe!“, stieß Hayden plötzlich aus. „Du siehst es sehr wohl! Aber du zwingst dich, es zu verdrängen. Deswegen pisst es dich an, dass Colton sich nimmt, was du nicht haben kannst.“

„Werft bitte ein Auge auf die Zwei! Ihr Safe-Word ist Rot. Ich muss zur Toilette!“

Er hörte seine Freunde hinter sich lachen, als er sich vom Barhocker erhob und zielstrebig auf die Herrentoilette zusteuerte.


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