Leseprobe

Fortsetzung Seite 2

Judy

Judy starrte auf das Schild über dem Eingang, rieb nervös die Hände ineinander. Komm, versuchte, sie sich Mut zuzusprechen. Was konnte schon passieren, außer, dass man ihr sagte, dass keine Stelle verfügbar war? Sweet Melodies, las sie. Es war die letzte Chance, hier in der Stadt einen Job zu finden. Niemand konnte ihr sonst Anstellung bieten, nicht der Souvenirshop, nicht der Bücherladen, nicht einmal der Supermarkt. Dies war ihre letzte Chance oder sie würde weiterziehen müssen. Matt, der Arsch, hatte sie gefeuert. Für eine Kleinigkeit, für die sie nichts konnte, was ihm auch die geschädigten Gäste versichert hatten. Sie hatte einer Runde älterer Damen Kaffee nachgegossen, als sie von jemanden angerempelt worden war und sie dadurch den Kaffee direkt auf den Schoß einer der älteren Frau gegossen hatte. Sofort hatte sie sich entschuldigt, war gelaufen, um den Schaden aufzuwischen. Die Dame hatte ihr lachend erklärt, dass alles in Ordnung wäre, dass die Jugend von heute nicht achtgab, wohin sie liefen. Sie hatte sie sogar gefragt, ob sie in Ordnung wäre. Doch Matt hatte davon nichts hören wollen, hatte sie in das Büro zitiert und ihr dann fünf Minuten gegeben, ihre Sachen zu packen. Wahrscheinlich hatte er nur auf eine Gelegenheit gewartet, ihr kündigen zu können, denn er hatte sie von Anfang an nicht leiden können. Offenbar war er eifersüchtig, dass sie gut mit den Gästen konnte, selbst den schwierigen.

Mit einem letzten Seufzen zog sie die Tür auf und trat in das Restaurant direkt in eine Art Eingangshalle. Ok, es war ein gehobenes Restaurant, wie der Marmorboden und der moderne Rezeptionstisch vermuten ließen. Eine schlanke Frau mit lockigem, blondem Bob stand dahinter in einem eleganten, dunkelblauen Kostüm gekleidet. Ihr Blick schnellte zu ihr hinüber und sie lächelte sie freundlich an.

„Guten Abend, Ms.“, grüßte sie höflich. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Judy nahm all ihren Mut zusammen, trat an den Tisch und streckte die Hand aus. „Judy Kinlay, mein Name“, sagte sie automatisch. Die Frau erwiderte den Händedruck verwirrt. „Ich bin nicht hier, um zu essen“, fuhr sie daher schnell fort. „Ich wollte fragen, ob Sie eine Servicekraft suchen.“

Für einen Moment musterte die Frau sie nachdenklich, dann lächelte sie wieder, wenngleich das Lächeln distanzierter wirkte als zuvor. Verdammt! „Nicht, dass ich wüsste, aber ich frage gerne nach“, antwortete sie mit professioneller Höflichkeit. Damit wandte sie sich ab und verschwand durch die Tür in den eigentlichen Restaurantbereich.

Judy ließ ihren Blick durch die Tür fallen und pfiff innerlich aufgrund der gehobenen, eleganten Einrichtung. Stühle mit hellen Hussen, dunkle Tische auf noch dunklerem Holzboden verteilten sich mit großzügigem Abstand in dem Raum und gewährten den Gästen so Privatsphäre. Ein lautes Lachen ließ sie um die Ecke blicken und ihr Herz blieb stehen. Dort in der Gruppe von fünf Leuten saß er, der Mann, den sie erst vor einigen Tagen im Diner gesehen hatte. Der große Mann mit den Tattoos, die seine Arme hinunterkrabbelten, den dunklen Haaren, dem ebenso dunklen Bart und den fast schwarzen Augen. Der Mann, den sie sich nur getraut hatte anzusprechen, da sie die Kanne Kaffee wie einen Schild vor sich hergetragen hatte, der ihr aber dann so sanft und freundlich erschienen war, dass sie bereut hatte, nicht länger mit ihm reden zu können. Er war zum ersten Mal im Diner gewesen, zumindest, seit sie dort arbeitete, was leider nicht allzu lange gewesen war. Und schon hatte sie diesen Job wieder verloren. Seine Augen waren ihr gefolgt, die ganze Zeit, während sie von Tisch zu Tisch gehuscht war. Sie hatte seinen Blick auf sich spüren können. Als sie erneut zu ihm aufgesehen hatte, war er verschwunden, hatte nur Geld auf seinem Tisch hinterlassen.

Nun saß er dort mit vier anderen und lachte. Sie konnte seine Stimme deutlich ausmachen. Ein Männerabend, dachte sie, denn er saß mit weiteren Männern am Tisch.

„Verzeihung!“, erklang plötzlich eine freundliche Stimme hinter ihr und sie drehte sich um, machte einer Frau, nicht größer als sie, die Tür frei.

„Oh, Entschuldigung!“, murmelte sie verlegen.

„Alles gut!“, erwiderte die Frau, lächelte und schlüpfte durch die Tür. Wow! Sie war hübsch, mit einem süßen Puppengesicht umrahmt von dunklen, schwarzen Locken und weiblichen Kurven, die durch das Vintage-Tulpenkleid, das sie trug, unterstrichen wurden. Judys Herz setzte aus, als sie direkt auf den Tisch der Männerrunde zuging und neben dem großen Mann stehenblieb. Sie warf ein paar Worte mit einem der anderen hin und her, die Judy nicht verstehen konnte, während sich ihre Hand auf die Schulter des großen Mannes legte und er ihre Hüfte umschlang.

„Ava!“, hörte sie einen der anderen drohend sagen, woraufhin sie den Kopf in den Nacken warf und lachte. Der große Mann löste seinen Arm und gab ihr einen Klaps auf den Po. Dann ließ sie sich mitten zwischen ihnen nieder.

„Tut mir leid, Ms. Kinlay“, riss die Rezeptionsdame sie aus ihren Beobachtungen. „Leider haben wir gerade keine Stelle frei.“

Enttäuschung machte sich in ihr breit, jedoch nickte sie mechanisch. „Ok, ja, das dachte ich mir! Aber wenn man nicht fragt, verpasst man vielleicht die Chance seines Lebens.“

Noch bevor die Frau darauf antworten konnte, machte Judy kehrt, warf dabei einen letzten Blick auf den großen Mann in dem Restaurant, dann trat sie zügig auf die Straße und ging den langen Weg zurück zum Motel.

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