Leseprobe

Fortsetzung Seite 4

Kleinstadtnächte

Judy

Die Kleinstadt war dunkel, als sie allein die langgestreckte Hauptstraße zurückwanderte. Unheimlich, konnte man meinen, denn die Straße lag wie verlassen vor ihr. Niemand begegnete ihr, was ihr recht sein sollte, doch jedes Geräusch ließ sie nervös aufhorchen. Verdammt! Wieso lag das Motel am anderen Ende der Stadt? Sie war nicht mit dem Auto gekommen, sondern mit dem Langstreckenbus. Dann war sie mit Mitfahrgelegenheiten von Kleinstadt zu Kleinstadt gependelt, immer auf der Suche nach einem Job. Wie sie von hier zur nächsten Stadt kommen sollte, wusste sie noch nicht. Vielleicht würde sich eine Mitfahrgelegenheit ergeben. Sie fuhr eigentlich nur mit Frauen, denn die Städte lagen zu weit auseinander, als dass sie sich zu einem fremden Mann in ein Fahrzeug setzen wollte. Aber im Notfall würde sie mit einem der Trucker, die im Motel übernachteten, weiterreisen müssen. Noch hatte sie einen kleinen finanziellen Puffer. Wie lange dieser sie über Wasser halten konnte, lag daran, wann ihre Pechsträhne enden würde. Egal, was sie tat, sie würde nicht in die Großstadt zurückkehren. Die war zu unsicher, denn dort würde man sie vermuten. Nicht in einer kleinen Stadt irgendwo im Nirgendwo, in der es so gut wie keine Jobs gab.

Seufzend starrte sie die Häuserfassaden an, an denen sie vorbeiging, als sie einen Motor vernahm und kurz darauf Scheinwerfer auf die Straße bogen. Ohne sich umzudrehen, hob sie die Schultern, tauchte ihren Kopf tiefer in ihren Kragen und setzte ihren Weg fort. Das Auto, ein fetter SUV, rauschte an ihr vorbei und sie atmete erleichtert auf. Doch plötzlich leuchteten die Bremslichter auf und der Wagen stoppte, bevor das kleine weiße Rückfahrtlicht sie blendete. Oh nein, dachte sie. Ihr ganzer Körper stand augenblicklich unter Spannung. Sie steckte ihre Hände in ihre Jackentasche und tastete nach ihrem Pfefferspray. Der SUV blieb ein paar Meter vor ihr stehen, die Beifahrertür öffnete sich und ein großer Mann stieg aus, setzte einen Stetson auf sein blondes Haar. Sie wich vom Straßenrand zurück, denn sie hatte nicht vor, sich ohne Kampf in ein Auto zerren zu lassen. Sie würde ihm einen Höllenkampf liefern. Ja, sie mochte klein sein, aber sie kannte einige Tricks. Ihre Finger schlossen sich um das Pfefferspray, bereit, es herauszuziehen und sofort auszulösen.

„Guten Abend, Ma’am.“, sagte der Mann, als er mit selbstbewusstem Schritt auf sie zukam.

„N’abend“, murmelte sie misstrauisch.

Er schien ihre ausweichende Haltung zu bemerken, denn er blieb stehen, hob defensiv die Hände. „Mein Name ist Mathews, Sheriff Mathews.“

„Mhm“, erwiderte sie. „Und wie kann ich Ihnen behilflich sein ... Sheriff?“, fragte sie, ihn nicht aus den Augen lassend.

Ihre Finger krampften sich um das Pfefferspray in ihrer Tasche. Sein Blick fuhr an ihr herunter und blieb auf ihrer Tasche liegen, bevor er seine Jacke langsam öffnete, eine Dienstmarke aus der Innentasche zog und sie ihr zeigte. „Sheriff Mathews“, wiederholte er, während er sie die Marke inspizieren ließ. „Es ist gut, dass Sie misstrauisch sind, Madam. Das erlebe ich oft anders.“ Sie nickte, sah ihm in die tiefblauen Augen, als er die Dienstmarke wieder einsteckte. „Sie verstehen, dass es ungewöhnlich ist, eine Frau spät abends allein hier auf der Straße zu sehen.“

„Wenn man kein Fahrzeug besitzt, muss man zu Fuß gehen.“

Er nickte, während sein Blick starr auf ihr lag. „Können wir Sie irgendwo hinbringen?“ Zögernd musterte sie ihn. „Mir gefällt nicht, Sie hier allein herumlaufen zu lassen.“

„Ich steige nicht zu fremden Männern ins Auto!“

„Was prinzipiell vernünftig ist“, stimmte er zu.

„Darf ich meinen Weg fortsetzen, bitte?“

Er zog überrascht die Augenbrauen hoch. Doch dann zuckten seine Mundwinkel leicht. „Natürlich, Ms., aber ich muss Sie darüber informieren, dass ich Sie, wenn ich Sie nicht fahren darf, mit dem Wagen begleiten werde, bis ich weiß, dass Sie sicher zu Hause angekommen sind.“

Sie starrte ihn eine Zeit an, dann seufzte sie leise. „Notiert!“, murmelte sie.

Er nickte, wandte sich um, ging zurück zum Auto und ließ sich auf der Beifahrerseite nieder. Kopfschüttelnd setzte sie ihren Weg fort, huschte in einigem Abstand an dem Wagen vorbei, ohne hineinzusehen. Sie war nicht gewohnt, dass jemand sich um ihre Sicherheit sorgte. Das war ihr eigenes Problem. Doch als sie den Motor hinter sich hörte, das Scheinwerferlicht ihr folgte, ihren Schatten vor sie warf, wusste sie, dass sie sich hier wahrlich in einer Kleinstadt befand.

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