Leseprobe

Die Wette

Colton

Colton parkte seinen Pick-up auf dem Gästeparkplatz des Clubs und ließ seinen Blick über die abgestellten Wagen gleiten. Er seufzte leise, denn er erblickte die Autos, die er erwartet hatte, die wenig überraschend immer hier standen. Es würde ein Abend wie jeder andere werden. Nicht, dass er die Abende im Club nicht genoss. Eigentlich fühlte er sich hier wohl und zu Hause. Es tat gut, nach einer anstrengenden Woche auf der Ranch einfach zu entspannen, sich vom Alltag abzulenken und alle Gedanken darüber zu vergessen, mit einer willigen sub zu spielen. Seit einiger Zeit jedoch quälte Colton eine gewisse Langeweile. Er sehnte sich nach Abwechslung. Die war in einer Kleinstadt irgendwo im Nirgendwo selbst in einem solchen Club nicht zu finden. Es waren immer dieselben Leute hier, welche er prinzipiell schätzte, denn viele von ihnen nannte er seine engsten Freunde. Und obwohl die Vertrautheit sichere Spiele garantierten, fehlte das Abenteuer, der Kitzel des Neuen, Unbekannten. Sein ganzes Leben bestand aus dem immer gleichen Ablauf, auf der Ranch wie mittlerweile hier im Club, obwohl dieser die Eintönigkeit eigentlich brechen sollte. Der Kies knirschte unter seinen Stiefeln, als er mit großen Schritten auf den Eingang zuging. Er zog die schwere Tür auf und trat in den hell erleuchteten Eingangsbereich.

„Hey, Colton!“, brummte Walter, nachdem er kurz aufgesehen hatte und, da er wusste, wer der Neuankömmling war, den Blick wieder in sein Buch senkte.

„Hey Walter, alles gut?“

„Wie immer!“, antwortete der ältere Mann mit einem zufriedenen Schmunzeln.

„Ja, wie immer“, murmelte Colton, was ihm einen forschenden Blick des alten Mannes bescherte, der seine grauen Augenbrauen in seine gerunzelte Stirn hochzog. Walter war mit seinen über fünfundsechzig Jahren Typ Biker kräftig gebaut und als Türsteher mehr als geeignet. Ihn interessierte das Geschehen im Innenraum nicht, nicht die Geräusche, nicht die Praktiken. Ihm war egal, was drinnen passierte, und er verurteilte die sexuellen Vorlieben der Gäste nicht. Colton kannte niemanden, der vergleichbar gelassen wirkte, wenn man bedachte, dass er Türsteher eines exklusiven Clubs der besonderen Art war.

„Paisley fragte nach dir“, erklärte Walter, feuchtete kurz einen Finger und blätterte eine Seite um.

„Ach, tatsächlich?“, gab Colton zurück, während er seinen Halbmantel aufhängte.

Walter sah mit einer hochgezogenen Braue zu ihm auf. „Wirklich alles in Ordnung bei dir?“

Colton ließ ein Schmunzeln über seine Lippen gehen, starrte kurz vor sich auf den Boden. „Alles wie immer, nicht wahr?“, erwiderte er, woraufhin Walter ein wissendes Grunzen von sich gab.

„Gehe rein! Trink ein Bier! Quatsch ein wenig! Überwache das Geschehen! Vielleicht kommst du in Stimmung, Junge!“

Colton lachte. „Ja, das war der Plan.“

„Ach ja, Hunter brachte Besuch mit. Süße Maus, die Kleine! Wirkte eher unerfahren. Ich frage mich, weshalb er sie mitbrachte. Er schien angespannt, voll im Beschützermodus.“

Colton horchte auf. „Besuch? Wer sollte das sein?“

Walter zuckte mit den Schultern. „Habe sie noch nie im Ort gesehen. Vielleicht neu hergezogen oder zu Besuch hier. Ich rate dir, tue nichts, was Hunter triggern könnte.“

Colton lachte. Hunter gehörte zu seinen engsten Freunden. Er hatte weder erwähnt, dass er Besuch bekommen würde, noch dass er jemanden kennengelernt hätte. Daher neugierig, wen Hunter mitgebracht hatte, betrat Colton den Clubraum, der sich hier auf der unteren Etage zunächst in einen Barbereich öffnete. Um eine lange Theke mit Regalen voller Flaschen und Gläser, verteilten sich hohe Barhocker. Kleine Lampen warfen ihr schummriges Licht auf den Tresen. Ein paar Hochtische mit jeweils sechs Hockern trennten, diesen von den Ledersofa- und -sesselgruppen tiefer im Raum, die darauf einstellten, was in diesem Club geschah. Colton ließ seinen Blick kurz durch den unteren Spielbereich schweifen, konnte Hunter aber nirgendwo entdecken. Einige Hochtische waren von Gästen besetzt, die sich unterhielten. Auf einer Sofagruppe saßen ein paar subs – zwei davon angekettet, um zu symbolisieren, dass sie für jede Annäherung tabu waren. Auf einer anderen Gruppe konnte er Cameron, Adam und José erkennen, die entspannt zusahen, wie Natalie ihren blonden Lockenkopf mit auf dem Rücken fixierten Armen und entblößten Brüsten über Richards Schoß auf und ab bewegte, während er ihre Locken um seine Faust gewickelt hatte. Hinter den Sofaecken begann der eigentliche Spielbereich. Colton konnte Janna sehen, die William in der Dusche an seinen Handgelenken aufgehängt hatte, dass er gerade noch mit den Zehenspitzen auf den Boden kam, während sie den Duschkopf kontrollierte und ihn mit dem Wasserstrahl in den Wahnsinn trieb. Oft sah er den beiden fasziniert zu, denn die Dynamik des Paars war unglaublich. Er wollte nicht wissen, wie viel Kraft der drahtige, weibliche Körper aufbringen konnte. Des Öfteren hatte er sie mit zwei Bullenpeitschen gleichzeitig arbeiten sehen, dass ihm klar war, dass mehr in diesem kleinen Frauenkörper steckte, als man auf den ersten Blick vermutete. Für eine Präzision dieser Art bedarf es harten, körperlichen Trainings, wollte sie ihren sub nicht ernsthaft verletzen. Er hatte die beiden beobachtet, als Janna William vor dem Bett kniend an die Pfosten gekettet hatte, die Arme rechts und links ausgestreckt. Sie hatte mit den Peitschen kunstvolle Muster auf seinen Rücken gezaubert, ohne Blut fließen zu lassen, und ihn damit in den Subspace geschickt.

Draußen auf der Veranda saßen ein paar Leute im Whirlpool, darunter Paisley, die ihn nicht bemerkte, während sie mit anderen subs lachte. Colton wandte sich ab und ging auf die Bar zu, hinter der Hayden unermüdlich Getränke ausschenkte.

„Hey, Colton!“, begrüßte er ihn. „Spät dran heute!“

„Ja, viel zu tun!“

„Ah ja, bei euch brennt die Hütte. Wie läuft‘s?“

Colton schnaubte. „Ein Therapeut ist kurzfristig abgesprungen. Familiennotfall! Er rief an und erklärte, dass er nicht zurückkommen würde. Jetzt ist die Stelle unbesetzt. Ein paar Pfeifen bewarben sich, aber die kann man nicht mit gutem Gewissen auf Pferde und Kinder loslassen. Ein weiterer Bewerber kam gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch. Mir sind Ende letzten Jahres Farmarbeiter weggebrochen, die wir noch nicht ersetzen konnten.“

„Scheiße!“, brummte Hayden und schenkte ihm ein Bier aus.

„Ja, scheiße stressig! Wir bekamen bisher nicht viele hoffnungserweckende Bewerbungen auf die Therapeutenstelle. Das Zentrum kontaktiert uns, sobald Kandidaten gefunden wurden, und schickt sie zu uns hinaus. Wir haben noch nichts gehört. Du weißt, wie dringend der Ort einen Kindertherapeuten braucht.“

Hayden brummte erneut zustimmend. „Hast du heute besondere Pläne? Paisley fragte nach dir. Läuft da irgendetwas zwischen euch? Ihr spielt ziemlich regelmäßig miteinander.“

Colton schnaubte. „Wer spielt hier nicht regelmäßig miteinander?“

„Wohl wahr!“ Hayden lachte leise „Deswegen sind alle aufgeregt. Hunter brachte Besuch mit. Aber es sah nicht aus, als würde er jemanden an sie heranlassen. Gott, ich hatte das Gefühl, er will jedem Dom, der es wagt, sie anzusehen, die Augen ausstechen.“

„Walter sagte etwas von Beschützermodus.“

„Wenn du mich fragst, ist sie neu in der Szene. Wahrscheinlich vollkommen unerfahren und Hunter ist sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, sie herzubringen.“

„Wo sind sie?“, fragte Colton.

Hayden deutete auf den oberen Bereich. „Er führte sie herum. Sie sah sich alles mit großen Augen an. Verdammt, du weißt schon, diese großen, unschuldigen Augen voller Verwunderung, Schrecken und gleichzeitiger Neugier. Ich glaube, es gab niemanden, der bei ihrem Anblick nicht sofort hart wurde.“

Colton lachte auf. „Ich scheine, etwas verpasst zu haben.“

„Gehe oben nachsehen, ob er sie überreden konnte, das Inventar auszuprobieren! Oder vielleicht sollte ich besser sagen, ob sie ihn überreden konnte.“

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