Leseprobe

Alte und neue Seelen

Hayden

Hayden saß in der letzten Sitzgruppe des Diners und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Nichts hatte sich verändert und dennoch war alles anders. Das Mobiliar hatte sich nicht verändert, nicht das Geschirr, nicht die Speisen oder der Kaffee, nicht einmal die Musik, die leise im Hintergrund lief. Und doch fühlte es sich an, als säße er zum ersten Mal hier. Etwas fehlte, etwas Wichtiges! Die Seele – sie war verschwunden! Sie war in dem Moment verschwunden, als Louise am Flughafen nach einem letzten leidenschaftlichen Kuss durch das Gate und damit aus seinem Leben getreten war. Ein Stich in seiner Brust ließ ihn wissen, dass es auch fast ein Jahr danach noch schmerzte. Louise!

Nach zehn Jahren des Wartens hatte sie sich ihm geöffnet, hatte sie dank Ava gewagt, seinem Lebensstil eine Chance zu geben, und er hatte geglaubt, sie gehörte endlich ihm. Doch nach wenigen Monaten, in denen er ihr Schritt für Schritt seine Leidenschaft für sie bewiesen hatte, war sie aus seinem Leben verschwunden. Nicht plötzlich, nicht heimlich, aber, da war er sich sicher, für immer. Ihre Familie hatte das schwarze Schaf nach Hause gerufen. Ihre Mutter, mittlerweile über siebzig, baute körperlich ab, glaubte, dem Ende entgegenzugehen, und wollte dies nicht tun, ohne den Bruch zwischen sich und ihrer Tochter zu kitten. Zunächst hatte Louise es verbittert abgelehnt, hatte nichts mehr mit ihrer Familie zu tun haben wollen. Nachdem allerdings jeder Einzelne von ihnen – Geschwister, Cousins, Cousinen – sie angerufen und sie angebettelt hatte, ihnen eine Chance zu geben, hatte sie sich entschieden, den Bitten nachzugeben.

Zunächst hatten sie telefoniert – jeden Tag. Louise war skeptisch gewesen, hatte beteuert, bald zurückzukehren. Aber er hatte gespürt, dass sie ihm langsam entglitt. Und er hatte sie gehen lassen. Vielleicht hätte er um sie kämpfen, hätte ihr hinterherfliegen und sie zurückholen sollen. Mit einem kurzen Grunzen wandte er seinen Blick in seinen Kaffee. Nein! Während der letzten Telefonate hatte sie so glücklich geklungen, so gelöst, als sei ihr eine schwere Bürde von den Schultern genommen worden, dass er es nicht über sich gebracht hatte, ihr dieses Glück zu rauben. Und deswegen saß er hier allein in Jamie’s Diner, trank seinen Kaffee und sinnierte darüber, dass ihm die Seele abhandengekommen war.

„Darf ich Ihre Tasse auffüllen, Sir?“, riss ihn eine helle Stimme aus den Gedanken. Er sah auf, blickte direkt in die freundlich lächelnden grünen Augen der jungen Frau vor ihm, die, da er sie ansah, die Kaffeekanne hob, mit den Schultern zuckte und unschuldig lächelte. Ihre feuerroten Haare hatte sie in einem losen Dutt gebändigt und so sprangen die vielen lustigen Sommersprossen auf ihrer Nase und ihren blassen Wangen ihm sofort ins Auge. „Frisch aufgebrüht!“, pries sie das schwarze Gold an.

Eigentlich hatte er genug Kaffee getrunken. Doch wie konnte er die freudige Erwartung dieses Mädchens trüben, während sie ihn mit fröhlichem und erwartungsvollem Glitzern in den großen smaragdgrünen Augen ansah? Ein paar widerspenstige Strähnen ihrer außergewöhnlich roten Haare tanzten um ihr Gesicht. Gott, war sie süß!

„Gerne, Engelchen“, antwortete er, woraufhin sie hell kicherte, seine Tasse griff und sie füllte. „Was ist so lustig?“, fragte er, fluchte innerlich, dass er klang wie ein alter, mürrischer Bär. Wahrscheinlich würde die Kleine auf dem Absatz umdrehen und fliehen. Ava wurde nicht müde, ihm zu erklären, wie angsteinflößend er auf Menschen wirkte.

„Engelchen, Sir“, antwortete sie jedoch wenig beeindruckt, stellte ihm die Tasse direkt vor die Nase, dann legten sich ihre Augen amüsiert auf seine. „Mich hat noch nie jemand Engelchen genannt.“

„Verzeihung! Ich wollte nicht respektlos klingen.“

„Nein, so meinte ich das nicht. Ich ...“ Sie stoppte, verzog das Gesicht zu einer süßen Fratze, die vollen Lippen zu einer Seite hochgezogen, die Augen zusammengekniffen, als überlegte sie, was sie sagen wollte. „Ich mag das“, erklärte sie dann. „Leute nennen mich Hexe oder Kobold! Sogar Troll habe ich gehört. Engelchen klingt irgendwie ...“ Wieder zerknautschte sie ihr Gesicht auf diese seltsame und doch niedliche Art und Weise. „Süß!“

Er schmunzelte. „Habe ich nochmal Glück gehabt!“

Sie lachte hell auf, legte kurz ihre freie Hand auf seine und er stellte fest, dass sie in ihrer Blässe so klein und zierlich war, dass sie gänzlich in seiner verschwinden würde, wenn er sie umfasste.

„Judy!“, erklang plötzlich die harsche Stimme des Managers, der das Diner seit Louises Abreise führte, wenn Jamie nicht zugegen war.

Die junge Frau zuckte zusammen, zog ihre Hand schnell von seiner und ihre Gesichtszüge schienen für den Bruchteil einer Sekunde einzufrieren. Dann lächelte sie ihn schon wieder an. „Rufen Sie mich, wenn Sie etwas brauchen, Sir“, sagte sie, wandte sich um und schwebte zum nächsten Tisch hinüber, wo sie ebenso freundlich ihren Kaffee anbot. Hayden verfolgte sie auf ihrer Tour durch den Laden. Ihre Fröhlichkeit schien nicht aufgesetzt, schien ihrer Natur zu entsprechen. Sie stellte die Kaffeekanne ab, um weitere Bestellungen auf ihrem Pad zu notieren, bevor sie zum nächsten Tisch flog. Und überall, wo sie anhielt, hinterließ sie zufrieden lächelnde oder schmunzelnde Gesichter.

Hayden war zwei Wochen nicht hier gewesen, hatte ein paar Tage auf einer Messe an der Ostküste verbracht und hatte dann versucht, die liegengebliebene Arbeit aufzuholen. Offensichtlich hatte sich hier in seiner Abwesenheit doch etwas verändert. Eine neue Seele war eingeflogen. Nein, kein Engelchen, aber eine kleine, fröhliche Fee. Mit einem Schmunzeln hob er die Tasse und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.

„Du sollst nicht mit den Gästen flirten, sondern arbeiten!“, riss ihn der scharfe Ton des Managers aus den Gedanken. Er wandte den Blick zur Theke, wo die kleine Fee damit beschäftigt war, die Bestellungen ihres Pads in die Kasse einzugeben, während Matt hinter ihr mit verschränkten Armen stand und sie mit zusammengekniffenen Augen anstarrte.

„Ich kann beides gleichzeitig, Matt“, gab sie unbeeindruckt zurück. „Du weißt schon, Frauen und Multitasking!“

„Ich bezahle dich nicht dafür, dass du hier auf Männerjagd gehst“, fuhr er fort, ihren Einwand ignorierend.

Hayden konnte sehen, dass sie die Augen verdrehte, rechnete damit, dass sie Matt widersprechen würde, doch sie wandte sich um und begann, Milch aufzuschäumen. „Ich möchte, dass sich die Gäste hier wohlfühlen“, erklärte sie. „Und ein wenig Freundlichkeit hat noch nie geschadet. Oder soll ich sie mit einem ähnlich miesepetrigen Gesicht wie deinem vergraulen?“

Matts Augen funkelten, doch er wandte sich um, wieder in der Küche zu verschwinden. „Mache einfach deinen Job!“

Jeez! Der Typ war ein Arsch, dachte Hayden. Schon oft war ihm die respektlose Art, in der er mit den Angestellten des Diners sprach, aufgefallen. Direkt, nachdem er Louises Stelle übernommen hatte, von der Position eines Kellners aufgestiegen. Jamie hatte gedacht, es wäre gut, wenn ein Nachfolger aus den eigenen Reihen den Job übernahm. Doch vielleicht sollte Hayden ihm einmal spiegeln, wie sich sein Manager aufführte. Er konnte mit seiner mürrischen Art in der Tat Kundschaft vertreiben, wenn er sich unmissverständlich anmerken ließ, wie er darüber dachte, aushelfen zu müssen, sobald es im Diner hitzig herging.

Und die kleine Fee? Nun, sie arrangierte die Bestellungen auf ihrem Tablett und glitt unbeeindruckt von dem unberechtigten Rüffel zwischen den Tischen hin und her und verteilte neben Getränken gute Laune. Fast konnte er zarte, durchsichtige Flügelchen auf ihrem Rücken glänzen sehen.

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